Simone de Beauvoir
Simone Lucie Ernestine Marie Bertrand de Beauvoir
Simone de Beauvoir war eine französische Philosophin, Schriftstellerin und Feministin und eine der zentralen Figuren des Existenzialismus. Schon mit vierzehn verwarf sie den Glauben an Gott – ein Wendepunkt, der sie zur Philosophie führte. Sie studierte in Paris, wurde eine der jüngsten Absolventinnen der Philosophie-Prüfung ihrer Zeit und lebte in einer lebenslangen, offenen Partnerschaft mit Jean-Paul Sartre. Berühmt wurde sie mit Das andere Geschlecht (1949), einer der einflussreichsten Analysen der Unterdrückung der Frau, sowie mit ihrer Ethik der Mehrdeutigkeit (1947) und Romanen wie Die Mandarins von Paris. Lange wurde sie nur als Schriftstellerin und Sartres Gefährtin gelesen; heute gilt sie als eigenständige Philosophin von Rang.
Beauvoirs Grundüberzeugung: Der Mensch hat kein festgelegtes Wesen. „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es" – dieser berühmte Satz gilt für sie im Kern für alle Menschen. Wir sind nicht durch eine Natur bestimmt, sondern machen uns durch unsere Entscheidungen selbst. Ein gutes Leben besteht deshalb darin, diese Freiheit zu ergreifen und sich in selbstgewählten Projekten in die Welt hinein zu entwerfen (was sie Transzendenz nennt) – statt sich in bloße Wiederholung, Passivität und Fremdbestimmung einzurichten (die Immanenz). Wichtig: Beauvoirs Freiheit ist keine Willkür. Sie ist immer situiert – eingebettet in einen Körper, eine Zeit, eine Gesellschaft, die Möglichkeiten eröffnen und verschließen. Ein gutes Leben heißt, im Rahmen der eigenen Situation aktiv Verantwortung für sich zu übernehmen, statt sich hinter „So bin ich eben" oder „So ist es nun mal" zu verstecken.
Für Beauvoir ist niemand allein frei. Weil meine Freiheit mit der Freiheit aller anderen verflochten ist, kann ich nur dann gut leben, wenn ich zugleich die Freiheit der anderen will. Ein guter Mensch übernimmt also nicht nur Verantwortung für das eigene Leben, sondern stellt sich gegen Unterdrückung – gegen alles, was andere in die Immanenz zwingt und zum bloßen „Objekt" macht. Die Selbsttäuschung, man habe keine Wahl (die „mauvaise foi"), ist für sie die eigentliche moralische Fehlhaltung. Gut ist, wer die eigene Freiheit und die der anderen aushält und aktiv bejaht – auch wenn das unbequem ist.
- Die Existenz geht dem Wesen vorausEs gibt keine vorgegebene menschliche Natur; wir sind zuerst da und bestimmen uns dann durch unser Handeln.
- TranszendenzBei Beauvoir nicht jenseitig gemeint, sondern der freie Entwurf in selbstgewählte Projekte; das aktive Überschreiten des Gegebenen. (Deshalb steht sie ganz auf der handelnden, diesseitigen Seite.)
- ImmanenzDas Gegenteil: das Verharren im Immergleichen, in Wiederholung und Fremdbestimmung, in das Frauen historisch gedrängt wurden.
- Das Andere / die AndereDie Frau wurde stets relativ zum Mann definiert, als Abweichung von ihm als „Norm"; sie ist zum „Anderen" gemacht worden.
- Situierte FreiheitFreiheit gibt es nie abstrakt, sondern immer innerhalb einer konkreten Lage; Unterdrückung schränkt sie real ein.
- Ethik der MehrdeutigkeitWir sind zugleich frei und endlich, Subjekt und Körper; gutes Handeln muss diese Spannung aushalten, statt sie zu leugnen.
Beauvoirs Satz „Man wird nicht als Frau geboren" lässt sich unmittelbar veranschaulichen. Ein Mädchen bekommt von klein auf gesagt, seine Erfüllung liege allein darin, hübsch, gefällig, später Ehefrau und Mutter zu sein. Es lernt, die eigenen Wünsche zurückzustellen und sich über andere zu definieren. Für Beauvoir ist das kein natürliches Schicksal, sondern ein Hineindrängen in die Immanenz – in ein Leben ohne eigene Projekte. Sich zu befreien hieße, die eigene Transzendenz zurückzugewinnen: eigene Ziele zu wählen, zu studieren, zu arbeiten, zu gestalten – nicht statt Beziehungen, aber als eigenständiger Mensch. Entscheidend ist Beauvoirs nüchterner Zusatz: Das gelingt nicht durch bloßen Willen allein, solange die Gesellschaft Türen verschlossen hält. Freiheit muss deshalb auch politisch erkämpft werden – für alle, nicht nur für einige.
Wir haben Simone de Beauvoir ausgewählt, weil sie den ausdrücklichen Gegenentwurf zu einem Denken bildet, das den Menschen an einem vorgegebenen Wesen misst. In ihrer Ausrichtung steht sie ganz außen auf der diesseitig-politisch-handelnden Seite: Sie ist Atheistin, das Gute wird für sie hier und jetzt durch Handeln gemacht, nicht in einem Jenseits gefunden. Ihre Freiheit ist nie die des isolierten Einzelnen, sondern immer mit der Freiheit der anderen verflochten.
Damit besetzt sie den Pol der Selbstgestaltung – die schärfste Absage an die Idee, es gebe eine feste menschliche Natur. Wo Aristoteles ein Gutsein an der „Funktion" des Menschen bemisst und Al-Ghazālī es auf Gott ausrichtet, sagt Beauvoir: Es gibt kein solches Wesen, das dir vorschreibt, wer du zu sein hast – du machst dich selbst. Diese Spannung zu Aristoteles ist eine der grundlegendsten in unserer Auswahl. Zugleich steht sie dicht bei Hannah Arendt: zwei Denkerinnen des 20. Jahrhunderts, beide handlungs- und weltzugewandt, die das gute Leben im aktiven Eingreifen in die gemeinsame Welt sehen. Ihr besonderer Beitrag aber ist die feministische Analyse: Beauvoir zeigt, dass die Frage nach dem guten Leben nie geschlechtsneutral gestellt wurde – und macht damit sichtbar, wessen Freiheit die Philosophie jahrhundertelang übersehen hat.
- Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht (Le Deuxième Sexe) (Primärwerk, dt. Übers. z. B. Rowohlt)
- Simone de Beauvoir: Für eine Moral der Mehrdeutigkeit (Pour une morale de l'ambiguïté) (Primärwerk)
- „Simone de Beauvoir", Stanford Encyclopedia of Philosophy — plato.stanford.edu