Iris Murdoch
Dame Jean Iris Murdoch
Iris Murdoch war eine irisch-britische Schriftstellerin und Philosophin – und in beidem herausragend. Sie studierte in Oxford, lehrte dort Philosophie und schrieb daneben 26 Romane, von denen einer (Das Meer, das Meer) den renommierten Booker-Preis erhielt. In ihrem philosophischen Hauptwerk Die Souveränität des Guten (1970) stellte sie sich gegen die vorherrschende Ethik ihrer Zeit, die das moralische Leben ganz auf Willen, Entscheidung und sichtbares Handeln reduzierte. Murdoch verlegte den Schwerpunkt woanders hin: auf die stille, innere Arbeit des richtigen Sehens. Ihre Verbindung aus Literatur und Philosophie macht sie zu einer eigenwilligen Denkerin, die das moralische Leben von innen her beschreibt.
Für Murdoch entscheidet sich das gute Leben nicht in den großen, sichtbaren Momenten der Entscheidung, sondern in der Qualität unserer Aufmerksamkeit – darin, wie wir die Welt und die anderen Menschen wahrnehmen. Ihr berühmter Gedanke lautet deshalb: „Lieben heißt sehen." Das größte Hindernis dabei ist das Ego: Wir sehen andere meist durch den verzerrenden Nebel eigener Wünsche, Ängste und Eitelkeiten, wie in einem selbstbezogenen Tagtraum. Ein gutes Leben ist ein fortwährendes Bemühen, diesen Nebel zu lichten – die anderen und die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie wirklich sind. Diese Arbeit nennt sie Entselbstung (unselfing): das Ich zurücktreten lassen, damit die Realität sichtbar wird. Gezogen wird dieses Bemühen von einer Idee des Guten, die für Murdoch – obwohl sie Atheistin war – etwas Anziehendes, fast Erhabenes behält.
Ein guter Mensch ist bei Murdoch jemand, der wirklich hinsieht – aufmerksam, gerecht und liebevoll, ohne die anderen dem eigenen Bild zu unterwerfen. Gutsein ist für sie eine Form von selbstlosem Realismus: die Demut, die Welt nicht ständig um sich selbst kreisen zu lassen. Bemerkenswert ist, dass diese moralische Arbeit meist unsichtbar bleibt. Sie geschieht im Inneren, lange bevor es zu einer Handlung kommt – ja, oft ohne dass sich äußerlich überhaupt etwas ändert. Wer gut sehen gelernt hat, wird im entscheidenden Moment auch richtig handeln, sagt Murdoch: „Ich kann nur innerhalb der Welt wählen, die ich sehen kann." Deshalb ist die eigentliche moralische Aufgabe, klar sehen zu lernen.
- AufmerksamkeitDer Kernbegriff, von Simone Weil übernommen: ein liebevolles, gerechtes Hinschauen auf die Wirklichkeit, besonders auf andere Menschen. Moral ist für Murdoch vor allem eine Sache der Aufmerksamkeit.
- Das EgoDer selbstbezogene Schleier aus Wünschen und Ängsten, der uns die anderen nicht wirklich sehen lässt; das größte moralische Hindernis.
- Entselbstung (unselfing)Die Arbeit, das eigene Ich zurücktreten zu lassen, um die Realität klar wahrzunehmen; oft ausgelöst durch Schönheit, Kunst oder die Zuwendung zu einem anderen.
- Das GuteEine anziehende, geheimnisvolle Idee, die uns zu klarerem Sehen und besserem Handeln zieht; bei Murdoch tritt sie an die Stelle, die in Religionen Gott einnimmt, ohne selbst religiös zu sein.
- Lieben heißt sehenEchte Liebe ist für Murdoch nicht Gefühl, sondern die Fähigkeit, den anderen wirklich und gerecht wahrzunehmen.
Murdoch selbst illustriert ihr Denken mit einer Schwiegermutter (sie nennt sie M) und deren Schwiegertochter (D). M hält D anfangs für ordinär, ungehobelt und ihres Sohnes nicht würdig. Nach außen bleibt M dabei stets höflich – es gibt keinen Streit, keine „falsche Handlung". Doch M beschließt, noch einmal genau hinzuschauen: ehrlich, aufmerksam, und mit dem Verdacht, dass ihr eigener Snobismus und ihre Eifersucht ihr Urteil trüben könnten. Mit der Zeit sieht sie D anders – nicht ordinär, sondern erfrischend unbekümmert; nicht unreif, sondern jung und lebendig. Nichts Äußeres hat sich verändert, und doch ist etwas moralisch Entscheidendes geschehen: allein in der Qualität von Ms Aufmerksamkeit. Genau das ist Murdochs Punkt – das eigentliche moralische Geschehen liegt oft nicht in dem, was wir tun, sondern in der geduldigen, ehrlichen Arbeit des richtigen Sehens.
Wir haben Iris Murdoch ausgewählt, weil sie eine Antwort auf die Frage nach dem guten Menschen gibt, die sonst niemand in dieser Weise vertritt: Es kommt weniger auf unsere Entscheidungen und Taten an als auf die Qualität unseres Sehens. In ihrer Ausrichtung steht sie leicht auf der innerlichen Seite – das Wesentliche spielt sich im Inneren ab, und das „Gute" hat für sie einen fast transzendenten Zug. Zugleich bleibt sie erdverbunden und atheistisch: Das Gute ist für sie nichts Jenseitiges – es entfaltet seine Anziehungskraft mitten im gewöhnlichen Leben. Genau das macht sie zur Brücke unserer Auswahl.
Sie verbindet, was sonst weit auseinanderliegt. Ihren Schlüsselbegriff der Aufmerksamkeit übernimmt sie direkt von Simone Weil, und mit al-Ghazālī teilt sie den Blick, der hinter das eigene Ego auf eine tiefere Wirklichkeit zielt – ohne selbst religiös zu sein. Zur anderen Seite reicht sie zu Martha Nussbaum hinüber, mit der sie die Überzeugung teilt, dass Literatur und geschulte Wahrnehmung moralisch bilden. Und sie bildet den stillen Gegenpol zu den handlungs- und entscheidungszentrierten Stimmen wie Beauvoir, Arendt und den Mills: Wo diese das gute Leben im tätigen Eingreifen in die Welt suchen, verlegt Murdoch es in die geduldige, meist unsichtbare Arbeit des Hinschauens. Ohne sie fehlte unserer Auswahl die Denkerin, die religiöse Innerlichkeit und weltliche Ethik in einem einzigen Begriff – der Aufmerksamkeit – zusammenführt.
- Iris Murdoch: Die Souveränität des Guten (The Sovereignty of Good) (Primärwerk, dt. Übers. z. B. Kadmos)
- Justin Broackes & Nora Hämäläinen: „Iris Murdoch", Stanford Encyclopedia of Philosophy — plato.stanford.edu