Martha Nussbaum
Martha Craven Nussbaum
Martha Nussbaum ist eine US-amerikanische Philosophin und eine der einflussreichsten Denkerinnen der Gegenwart. Sie lehrt an der Universität Chicago und hat in ungewöhnlich vielen Feldern gearbeitet: antike Philosophie, Ethik, politische Theorie, Feminismus, die Rolle der Emotionen und die Rechte von Tieren. Bekannt wurde sie vor allem für den Fähigkeitenansatz, den sie gemeinsam mit dem Ökonomen und Nobelpreisträger Amartya Sen entwickelte und der heute weltweit in Entwicklungs- und Gerechtigkeitsdebatten verwendet wird. Ihr Denken schlägt eine Brücke von Aristoteles bis in die Gegenwart und zeigt, dass die uralte Frage nach dem guten Leben auch für globale Politik und Recht praktisch fruchtbar ist. Zu ihren Hauptwerken zählen Die Grenzen der Gerechtigkeit und Fähigkeiten schaffen.
Nussbaum fragt nicht: „Wie zufrieden sind die Menschen?" oder „Wie viel besitzen sie?", sondern: „Was ist jeder einzelne Mensch tatsächlich in der Lage zu tun und zu sein?" Ein gutes Leben ist für sie ein Leben, in dem ein Mensch die wesentlichen menschlichen Fähigkeiten wirklich ausüben kann – gesund sein, denken, Gefühle haben, planen, mit anderen verbunden sein, spielen und am politischen Leben teilnehmen. Entscheidend ist ihr Zusatz: Es geht um die Möglichkeit, nicht um Zwang. Ein guter Staat stellt sicher, dass jeder Mensch diese Chancen hat – ob er sie nutzt, bleibt seine freie Entscheidung. Damit verbindet Nussbaum eine aristotelische Idee des menschlichen Aufblühens mit dem liberalen Respekt vor der Vielfalt der Lebensentwürfe.
Ein guter Mensch erkennt die Würde jedes anderen Menschen an und behandelt ihn nie als bloßes Mittel. Zwei Fähigkeiten stehen für Nussbaum im Zentrum: die praktische Vernunft (das eigene Leben planvoll führen) und die Zugehörigkeit (mit anderen leben, sie anerkennen, für sie sorgen). Besonders eigen ist ihr Blick auf die Emotionen: Gefühle wie Mitgefühl oder Empörung sind für sie keine blinden Regungen, sondern enthalten Urteile darüber, was uns wichtig ist und gehören deshalb zum guten Handeln dazu. Ein guter Mensch pflegt diese Emotionen und die Vorstellungskraft, sich in fremde Lebensrealitäten hineinzuversetzen.
- FähigkeitenansatzDer Maßstab für ein gutes Leben und eine gerechte Gesellschaft ist, was Menschen real tun und sein können.
- Zentrale FähigkeitenNussbaums Liste von rund zehn Grundchancen, die jedem Menschen zustehen, u. a.: Leben, Gesundheit, körperliche Unversehrtheit, Denken und Vorstellungskraft, Emotionen, praktische Vernunft, Zugehörigkeit, Spiel und Mitbestimmung.
- Fähigkeiten statt FunktionenGeschützt wird die Möglichkeit (z. B. sich ausreichend ernähren zu können), nicht ein vorgeschriebenes Verhalten; wer fastet, verzichtet freiwillig, dem Hungernden fehlt die Fähigkeit.
- MenschenwürdeJeder Mensch ist Zweck an sich; niemand darf bloß als Werkzeug für die Ziele anderer behandelt werden.
- Emotionen als WerturteileGefühle enthalten Gedanken darüber, was zählt, und sind Teil vernünftigen Handelns, nicht dessen Gegenteil.
- Narrative ImaginationDie durch Literatur geschulte Fähigkeit, sich in das Leben anderer hineinzuversetzen; für Nussbaum eine Grundlage von Mitgefühl und Gerechtigkeit.
Nussbaum entwickelte ihren Ansatz auch durch Feldforschung zu den Lebensbedingungen von Frauen in Indien – und daran lässt er sich gut zeigen. Eine Frau mag auf dem Papier das Recht haben, zu wählen, zu erben oder ein Geschäft zu führen. Wenn sie aber nie lesen lernen durfte, kein Eigentum besitzen darf und Gewalt fürchten muss, sobald sie das Haus verlässt, dann hat sie diese Rechte nicht wirklich – ihr fehlt die Fähigkeit, sie auszuüben. Genau hier setzt Nussbaum an: Es genügt nicht, formale Rechte zu verkünden oder Geld zu verteilen. Zwei Menschen mit gleich viel Geld können völlig ungleiche Chancen haben – etwa eine Schwangere, die mehr Nahrung braucht, oder ein Mensch mit Behinderung, der besondere Unterstützung benötigt. Gerechtigkeit misst sich für Nussbaum daran, ob am Ende jede*r Einzelne die realen Möglichkeiten hat, ein menschenwürdiges Leben zu führen.
Wir haben Martha Nussbaum ausgewählt, weil sie die aristotelische Tradition – die älteste in unserer Auswahl – in die Gegenwart übersetzt und zeigt, dass deren Frage nach dem menschlichen Aufblühen bis heute trägt. In ihrer Ausrichtung steht sie auf der diesseitig-handelnden Seite – ihr Denken zielt auf Recht, Politik und konkrete Lebensverhältnisse. Und sie denkt entschieden individuell und universalistisch: Jeder einzelne Mensch zählt, und ihre Grundfähigkeiten sollen für alle Menschen weltweit gelten, unabhängig von Kultur oder Herkunft.
Damit steht sie ganz nah bei Aristoteles: Sie knüpft direkt an seine Idee des menschlichen Aufblühens und der „Funktion" des Menschen an – nimmt ihr aber die Enge, indem sie daraus ein universelles Prinzip der Gerechtigkeit macht und den Respekt vor der Freiheit jedes Einzelnen hinzufügt. Gemeinsam bilden die beiden den tugend- und gedeih-orientierten Pol unserer Auswahl über zwei Jahrtausende hinweg. Zugleich entsteht eine spannungsreiche Nähe zu Iris Murdoch, mit der sie den Blick auf Emotionen und die moralische Kraft der Literatur teilt, sowie ein produktiver Gegensatz zu Simone de Beauvoir: Wo Beauvoir jedes feste menschliche Wesen bestreitet, wagt Nussbaum wieder eine – bewusst offene und revidierbare – Antwort darauf, was alle Menschen zum Aufblühen brauchen. Und gegenüber den gemeinschaftlich denkenden Stimmen wie Konfuzius und Sophie Olúwọlé hält sie fest: So wichtig die Gemeinschaft ist – am Ende muss sich Gerechtigkeit daran messen lassen, wie es jedem einzelnen Menschen darin ergeht.
- Martha C. Nussbaum: Die Grenzen der Gerechtigkeit (Frontiers of Justice) (Primärwerk, dt. Übers. Suhrkamp)
- Martha C. Nussbaum: Fähigkeiten schaffen (Creating Capabilities) (Primärwerk)
- Ingrid Robeyns & Morten Fibieger Byskov: „The Capability Approach", Stanford Encyclopedia of Philosophy — plato.stanford.edu