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Skulpturaler Kopf von Martha Nussbaum

Martha Nussbaum

Martha Craven Nussbaum

Region
USA (Chicago)
Lebensdaten
geboren 1947
Epoche
Gegenwart
Tradition
Neo-Aristotelismus · politische Philosophie · Fähigkeitenansatz
Kurzbiografie

Martha Nussbaum ist eine US-amerikanische Philosophin und eine der einflussreichsten Denkerinnen der Gegenwart. Sie lehrt an der Universität Chicago und hat in ungewöhnlich vielen Feldern gearbeitet: antike Philosophie, Ethik, politische Theorie, Feminismus, die Rolle der Emotionen und die Rechte von Tieren. Bekannt wurde sie vor allem für den Fähigkeitenansatz, den sie gemeinsam mit dem Ökonomen und Nobelpreisträger Amartya Sen entwickelte und der heute weltweit in Entwicklungs- und Gerechtigkeitsdebatten verwendet wird. Ihr Denken schlägt eine Brücke von Aristoteles bis in die Gegenwart und zeigt, dass die uralte Frage nach dem guten Leben auch für globale Politik und Recht praktisch fruchtbar ist. Zu ihren Hauptwerken zählen Die Grenzen der Gerechtigkeit und Fähigkeiten schaffen.

Was ist ein gutes Leben?

Nussbaum fragt nicht: „Wie zufrieden sind die Menschen?" oder „Wie viel besitzen sie?", sondern: „Was ist jeder einzelne Mensch tatsächlich in der Lage zu tun und zu sein?" Ein gutes Leben ist für sie ein Leben, in dem ein Mensch die wesentlichen menschlichen Fähigkeiten wirklich ausüben kann – gesund sein, denken, Gefühle haben, planen, mit anderen verbunden sein, spielen und am politischen Leben teilnehmen. Entscheidend ist ihr Zusatz: Es geht um die Möglichkeit, nicht um Zwang. Ein guter Staat stellt sicher, dass jeder Mensch diese Chancen hat – ob er sie nutzt, bleibt seine freie Entscheidung. Damit verbindet Nussbaum eine aristotelische Idee des menschlichen Aufblühens mit dem liberalen Respekt vor der Vielfalt der Lebensentwürfe.

Was ist ein guter Mensch?

Ein guter Mensch erkennt die Würde jedes anderen Menschen an und behandelt ihn nie als bloßes Mittel. Zwei Fähigkeiten stehen für Nussbaum im Zentrum: die praktische Vernunft (das eigene Leben planvoll führen) und die Zugehörigkeit (mit anderen leben, sie anerkennen, für sie sorgen). Besonders eigen ist ihr Blick auf die Emotionen: Gefühle wie Mitgefühl oder Empörung sind für sie keine blinden Regungen, sondern enthalten Urteile darüber, was uns wichtig ist und gehören deshalb zum guten Handeln dazu. Ein guter Mensch pflegt diese Emotionen und die Vorstellungskraft, sich in fremde Lebensrealitäten hineinzuversetzen.

„Nicht wie viel ein Mensch besitzt zählt, sondern was er tatsächlich zu tun und zu sein in der Lage ist."
Martha Nussbaum · Kerngedanke
Prägende Begriffe – erklärt
Praktisches Beispiel

Nussbaum entwickelte ihren Ansatz auch durch Feldforschung zu den Lebensbedingungen von Frauen in Indien – und daran lässt er sich gut zeigen. Eine Frau mag auf dem Papier das Recht haben, zu wählen, zu erben oder ein Geschäft zu führen. Wenn sie aber nie lesen lernen durfte, kein Eigentum besitzen darf und Gewalt fürchten muss, sobald sie das Haus verlässt, dann hat sie diese Rechte nicht wirklich – ihr fehlt die Fähigkeit, sie auszuüben. Genau hier setzt Nussbaum an: Es genügt nicht, formale Rechte zu verkünden oder Geld zu verteilen. Zwei Menschen mit gleich viel Geld können völlig ungleiche Chancen haben – etwa eine Schwangere, die mehr Nahrung braucht, oder ein Mensch mit Behinderung, der besondere Unterstützung benötigt. Gerechtigkeit misst sich für Nussbaum daran, ob am Ende jede*r Einzelne die realen Möglichkeiten hat, ein menschenwürdiges Leben zu führen.

Einordnung & Schlussgedanke

Wir haben Martha Nussbaum ausgewählt, weil sie die aristotelische Tradition – die älteste in unserer Auswahl – in die Gegenwart übersetzt und zeigt, dass deren Frage nach dem menschlichen Aufblühen bis heute trägt. In ihrer Ausrichtung steht sie auf der diesseitig-handelnden Seite – ihr Denken zielt auf Recht, Politik und konkrete Lebensverhältnisse. Und sie denkt entschieden individuell und universalistisch: Jeder einzelne Mensch zählt, und ihre Grundfähigkeiten sollen für alle Menschen weltweit gelten, unabhängig von Kultur oder Herkunft.

Damit steht sie ganz nah bei Aristoteles: Sie knüpft direkt an seine Idee des menschlichen Aufblühens und der „Funktion" des Menschen an – nimmt ihr aber die Enge, indem sie daraus ein universelles Prinzip der Gerechtigkeit macht und den Respekt vor der Freiheit jedes Einzelnen hinzufügt. Gemeinsam bilden die beiden den tugend- und gedeih-orientierten Pol unserer Auswahl über zwei Jahrtausende hinweg. Zugleich entsteht eine spannungsreiche Nähe zu Iris Murdoch, mit der sie den Blick auf Emotionen und die moralische Kraft der Literatur teilt, sowie ein produktiver Gegensatz zu Simone de Beauvoir: Wo Beauvoir jedes feste menschliche Wesen bestreitet, wagt Nussbaum wieder eine – bewusst offene und revidierbare – Antwort darauf, was alle Menschen zum Aufblühen brauchen. Und gegenüber den gemeinschaftlich denkenden Stimmen wie Konfuzius und Sophie Olúwọlé hält sie fest: So wichtig die Gemeinschaft ist – am Ende muss sich Gerechtigkeit daran messen lassen, wie es jedem einzelnen Menschen darin ergeht.

Quellen