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Skulpturaler Kopf von Sophie Olúwọlé

Sophie Olúwọlé

Sophie Bọ̀sẹ̀dé Olúwọlé

Region
Nigeria (Lagos)
Lebensdaten
1935–2018
Epoche
Gegenwart
Tradition
Yoruba-Philosophie · Rekonstruktion mündlicher Denktraditionen
Kurzbiografie

Sophie Bosede Olúwọlé war eine nigerianische Philosophin und eine der wichtigsten Stimmen der afrikanischen Philosophie. Sie war die erste Frau, die in Nigeria in Philosophie promovierte, leitete das Philosophie-Institut der Universität Lagos und gründete später ein Zentrum für afrikanische Kultur und Entwicklung. Ihr Lebenswerk war die Rekonstruktion der Yoruba-Philosophie aus einer mündlichen Überlieferung, dem Ifá-Korpus – einem über Jahrtausende mündlich im Gedächtnis bewahrten Bestand aus Tausenden von Versen. In ihrem Hauptwerk Socrates and Ọ̀rúnmìlà (2014) stellte sie den griechischen Philosophen Sokrates und den Yoruba-Weisen Ọ̀rúnmìlà nebeneinander und zeigte: Beide haben nie etwas aufgeschrieben, beide lehrten Tugend als Weg zum guten Leben – warum also gilt der eine als Vater der Philosophie und der andere als bloße Mythenfigur?

Was ist ein gutes Leben?

In der Yoruba-Tradition, die Olúwọlé freilegt, ist ein gutes Leben ein Leben in Gleichgewicht – zwischen den ergänzenden Kräften des Daseins und innerhalb der Gemeinschaft, die den Menschen trägt. Das Wissen dafür ist im Ifá-Korpus gespeichert: kein Regelbuch, sondern ein reicher Schatz an Versen, Sprichwörtern und Geschichten, aus denen sich Antworten auf die immer gleichen Menschheitsfragen schöpfen lassen. Auffällig ist, dass sich Diesseits und Jenseits, Sichtbares und Unsichtbares hier nicht ausschließen, sondern ergänzen. Ein gutes Leben ist deshalb nicht der Rückzug aus der Welt und auch nicht ihre reine Beherrschung, sondern das rechte Einschwingen in ein Ganzes, in dem der Einzelne, die Gemeinschaft und die kosmische Ordnung zusammengehören. Der Maßstab dafür ist der Charakter: In der Yoruba-Ethik gilt der Grundsatz „ìwà l'ẹwà" – der gute Charakter ist die eigentliche Schönheit.

Was ist ein guter Mensch?

Das Yoruba-Ideal ist der ọmọlúàbí: ein Mensch von gutem Charakter – ehrlich, respektvoll, mutig, fleißig, bescheiden und der Gemeinschaft zugewandt. Entscheidend ist, dass man ein vollwertiger Mensch nicht einfach durch Geburt ist, sondern durch gutes Handeln und durch die Gemeinschaft wird. Person-Sein ist eine moralische und soziale Errungenschaft, kein bloßer biologischer Zustand. Ein guter Mensch ist damit nie ein isoliertes Ich, das sich selbst genügt, sondern jemand, der seine Rollen und Bindungen mit Charakter ausfüllt. Gutsein und Gemeinschaft sind bei Olúwọlé zwei Seiten derselben Sache.

„ìwà l'ẹwà – der gute Charakter ist die eigentliche Schönheit."
Sophie Olúwọlé · Kerngedanke (Yoruba-Grundsatz)
Prägende Begriffe – erklärt
Praktisches Beispiel

Am deutlichsten wird Olúwọlés Denken an der Geschlechterfrage. Aus dem Prinzip der Komplementarität folgt, dass Mann und Frau einander ergänzen, statt in einer Rangordnung zu stehen. Tatsächlich, so zeigt sie, konnten Frauen in der vorkolonialen Yoruba-Gesellschaft Titel tragen, Handel treiben und politische Ämter innehaben – das Weibliche war dem Männlichen nicht untergeordnet. Die starre Rangordnung „der Mann herrscht, die Frau dient", die vielen als uralte afrikanische Tradition gilt, wurde in Wahrheit weitgehend erst durch den europäischen Kolonialismus eingeführt. Das ist ein schlagendes Beispiel für ihre Methode: Was wir für „natürlich" halten, entpuppt sich bei genauem Hinsehen als historisch gemacht. Gleichberechtigung braucht hier keine Anleihe beim westlichen Liberalismus – sie lässt sich aus dem eigenen afrikanischen Erbe begründen.

Einordnung & Schlussgedanke

Wir haben Sophie Olúwọlé aus mehreren Gründen ausgewählt, die sich gegenseitig verstärken. In ihrer Ausrichtung steht sie nahe der Mitte, weil in ihrem Denken Sichtbares und Unsichtbares, Weltliches und Geistiges einander ergänzen statt sich auszuschließen. Deutlich ausgeprägt ist dagegen ihr relational-gemeinschaftliches und situiertes Denken: Der Mensch wird zum Menschen durch die Gemeinschaft, und Wissen ist bei ihr kein zeitloser Besitz, sondern ein in einer konkreten Tradition gewachsener Schatz. Damit steht sie dicht bei Konfuzius – beide bilden den Grund, auf dem das Selbst als durch und durch beziehungshaft gedacht wird.

Ihr eigener, unverwechselbarer Beitrag liegt darüber hinaus in dreierlei: Erstens korrigiert sie einen blinden Fleck: dass „Philosophie" jahrhundertelang als etwas rein Europäisches galt. Gerade dass afrikanisches Denken so lange nicht als Philosophie anerkannt wurde, ist ein Grund, ihm hier einen festen Platz zu geben. Zweitens bringt sie mit der Komplementarität eine andere Grundstruktur des Denkens ein, die Gegensätze nicht als Kampf, sondern als Ergänzung betrachtet. Dadurch wird das Verhältnis der Geschlechter als auch das von Individuum und Gemeinschaft neu geordnet. Drittens fügt sie der feministischen Linie unserer Auswahl – neben H. T. Mill, Beauvoir und Nussbaum – eine Stimme hinzu, die Gleichberechtigung nicht aus dem westlichen Liberalismus ableitet, sondern aus einer eigenständigen afrikanischen Tradition. Wichtig bleibt dabei: Olúwọlé hat die Yoruba-Philosophie nicht selbst erdacht, sondern aus der mündlichen Überlieferung zusammengetragen, geordnet und zugänglich gemacht. Zeit ihres Lebens musste sie darum ringen, dass dieses Denken in der akademischen Philosophie überhaupt als vollwertige Philosophie anerkannt wird.

Quellen