Hildegard von Bingen
Hildegard von Bingen (die „Sibylle vom Rhein")
Hildegard von Bingen war eine der außergewöhnlichsten Gestalten des Mittelalters: Benediktinerin und Äbtissin, Mystikerin, Komponistin, Naturkundlerin, Heilerin und Gelehrte in einer Person. Von Kindheit an hatte sie innere „Schauungen", die sie – nach kirchlicher Prüfung – in großen Visionswerken festhielt, allen voran Scivias („Wisse die Wege"). Sie gründete eigene Klöster, korrespondierte mit Päpsten und Kaisern und war die erste Frau, die eine päpstliche Bestätigung als Autorität in theologischen Fragen erhielt und öffentlich predigen durfte. Ihre Kompositionen zählen zu den bekanntesten geistlichen Werken des Mittelalters, ihr Ordo Virtutum gilt als ältestes erhaltenes geistliches Spiel. 2012 wurde sie zur Kirchenlehrerin erhoben – eine Ehre, die nur wenigen Frauen zuteilwurde.
Im Zentrum von Hildegards Denken steht ein einziger, leuchtender Begriff: viriditas, die „Grünkraft". Damit meint sie die göttliche Lebenskraft, die alles Geschaffene durchströmt – die Frische, Feuchte und Fruchtbarkeit, die einen Baum grünen, eine Wunde heilen und eine Seele aufblühen lässt. Ein gutes Leben ist für Hildegard ein Leben voller viriditas: lebendig, fruchtbar, im Einklang mit der Schöpfung und ihrem göttlichen Ursprung. Das Gegenteil ist die ariditas, die Dürre – das Verdorren von Körper und Seele, wenn der Mensch sich von der Quelle des Lebens abschneidet. Bemerkenswert für ihre Zeit ist ihr Sinn für Maß und Gleichgewicht: Hildegard misstraute übertriebener Askese und sah Körper und Seele als Einheit, die gemeinsam gepflegt werden will. Gut zu leben heißt für sie, „grün" zu bleiben – in einer heilsamen Balance aus Arbeit, Ruhe, Freude, Ernährung und geistlichem Leben.
Ein guter Mensch ist bei Hildegard jemand, in dem die Tugenden lebendig sind und wirken. In ihrem Ordo Virtutum stellt sie das menschliche Leben als ein Ringen dar, in dem die Seele zwischen den Tugenden und den Kräften der Zerstörung steht. Gutsein bedeutet, die göttliche Grünkraft in sich und in der Welt zu bewahren und zu mehren: fruchtbar zu sein statt zu verdorren, heilend statt zerstörend zu wirken, im Maß statt im Übermaß zu leben. Weil für Hildegard alles miteinander verbunden ist, hat der Mensch dabei eine besondere Verantwortung – nicht als Herr über die Schöpfung, sondern als eine Art Mitgärtner in „Gottes Garten", der die Lebenskraft schützt, statt sie auszuzehren.
- Viriditas (Grünkraft)Hildegards Schlüsselbegriff: die göttliche Lebens- und Wachstumskraft, die durch alle Schöpfung strömt; sie verbindet das Geistige und das Leibliche, das Heilen und das Aufblühen der Seele.
- Ariditas (Dürre)Das Gegenstück: Verdorren, Erstarren, das Austrocknen von Leben, das Hildegard mit Sünde und Trennung von Gott verbindet.
- Mikrokosmos und MakrokosmosDer Mensch als „kleine Welt", die die große Welt spiegelt: Wie der Kosmos aus den Elementen geordnet ist, so auch der Mensch (Feuer als Wärme, Luft als Atem, Wasser als Blut, Erde als Leib).
- Ordo Virtutum („Reigen der Tugenden")Ihr vertontes Spiel, in dem die Tugenden um die menschliche Seele ringen; eine anschauliche Ethik in Musik.
- Schau (Vision)Hildegards eigener Erkenntnisweg: nicht rationale Beweisführung, sondern ein inneres Sehen, das sie als von Gott geschenkt verstand.
Hildegards Grünkraft lässt sich erstaunlich gut auf das heutige Leben übertragen. Man stelle sich einen Menschen vor, der ausgebrannt ist: überarbeitet, freudlos, abgeschnitten von allem, was ihn nährt – von Schlaf, Bewegung, Natur, Beziehungen, Sinn. In Hildegards Sprache hat dieser Mensch seine viriditas verloren und ist in die ariditas geraten, die Dürre. Der Weg zurück ist kein einzelner Willensakt, sondern das geduldige Wiederherstellen von Balance: Ruhe und Tätigkeit, Leib und Seele, Stille und Gemeinschaft wieder ins rechte Verhältnis bringen, bis es im Menschen wieder „grünt". Dieselbe Logik legt Hildegard an die Welt an: Wo der Mensch die Schöpfung auszehrt und ihre Lebenskraft zerstört, breitet sich Dürre aus. Ihr Bild vom „Grünen" und „Verdorren" wird deshalb heute oft in der Ökologie aufgegriffen – als frühe Ahnung davon, dass menschliches und natürliches Aufblühen zusammenhängen.
Wir haben Hildegard von Bingen ausgewählt, weil sie den mystisch-transzendenten Pol unserer Auswahl auf eine ganz eigene Weise besetzt. In ihrer Ausrichtung steht sie klar auf der innerlich-transzendenten Seite: Ihr Erkenntnisweg ist die Schau, ihr Bezugspunkt Gott. Damit gehört sie zur Nachbarschaft von Buddha, al-Ghazālī und Simone Weil, für die das Wesentliche nicht im Sichtbaren liegt. Doch anders als diese ist Hildegards Mystik durch und durch schöpfungsbejahend und leiblich. Zugleich denkt sie relational und situiert – eingebettet in ihre Klostergemeinschaft und in einen Kosmos, in dem alles mit allem verbunden ist.
Ihr unverwechselbarer Beitrag ist die öko-kosmische Perspektive, die sonst niemand in unserer Auswahl einbringt: Der Mensch steht nicht über der Natur, sondern in einem lebendigen Ganzen, für dessen Lebenskraft er mitverantwortlich ist. Wo Aristoteles, die Mills oder Nussbaum den Menschen ins Zentrum stellen, weitet Hildegard den Blick auf die ganze Schöpfung – ein Gedanke, der ihr über achthundert Jahre altes Werk heute überraschend gegenwärtig macht. Hinzu kommt ihre schiere historische Ausnahmestellung: eine mittelalterliche Frau, die als Theologin, Komponistin, Ärztin und Naturkundlerin wirkte und sich in einer von Männern beherrschten Kirche Gehör verschaffte. Ohne sie fehlte unserer Auswahl die Stimme, die Innerlichkeit, Leiblichkeit und die Sorge um die lebendige Welt zusammenbindet.
- Hildegard von Bingen: Scivias – Wisse die Wege (Primärwerk, dt. Übers. z. B. Pattloch/Beuroner Kunstverlag)
- „Hildegard von Bingen", History of Women Philosophers and Scientists (Universität Paderborn) — historyofwomenphilosophers.org
- Almut Furchert: „Cosmic Partnership: Hildegard of Bingen's Vision of an Integral Ecology", Journal of Social Encounters 8(2), 2024 — digitalcommons.csbsju.edu