Simone Weil
Simone Adolphine Weil
Simone Weil war eine französische Philosophin, Mystikerin und politische Aktivistin – eine der ungewöhnlichsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Hochbegabt, studierte sie in Paris Philosophie (Jahrgangskollegin und Rivalin von Simone de Beauvoir) und unterrichtete zunächst als Lehrerin. Um die Lage der Arbeiter*innen nicht nur zu theoretisieren, sondern am eigenen Leib zu erfahren, gab sie ihren Beruf zeitweise auf und arbeitete in Fabriken. Sie engagierte sich im Spanischen Bürgerkrieg und später im Widerstand gegen die deutsche Besatzung. Aus jüdischer Familie stammend, fühlte sie sich stark zum christlichen Denken hingezogen, blieb aber zeitlebens außerhalb jeder Kirche. Sie starb mit nur 34 Jahren im englischen Exil; ihre Bücher, darunter Schwerkraft und Gnade und Die Verwurzelung, erschienen fast alle erst nach ihrem Tod.
Im Zentrum von Weils Denken steht die Aufmerksamkeit – aber in einem sehr radikalen Sinn. Gemeint ist ein völliges Sich-Zurücknehmen, ein Leerwerden des eigenen Ich, damit man die Wirklichkeit und die anderen Menschen wahrnimmt, ohne sie sofort durch die eigenen Wünsche zu verzerren. Ein gutes Leben ist für Weil ein Leben solcher Aufmerksamkeit: hingewandt zur Wahrheit, zur Schönheit, zu den Leidenden und zu Gott. Dem steht die Schwerkraft entgegen, jene Kraft, die uns wie ein Naturgesetz nach unten zieht, hin zur Selbstsucht und zum bloßen Eigeninteresse. Ihr Gegenmittel ist die Gnade, die nicht machbar ist, sondern nur empfangen werden kann – und zwar dort, wo der Mensch Raum für sie schafft, indem er sein Ich zurücknimmt. Gut zu leben heißt für Weil deshalb, der Schwerkraft nicht noch nachzuhelfen, sondern sich leer und offen zu halten.
Ein guter Mensch ist bei Weil fähig zu echter Aufmerksamkeit für andere – besonders für die, die im Unglück (malheur) sind. Dieses Unglück ist für sie mehr als gewöhnlicher Schmerz: Es ist ein Leid, das den ganzen Menschen niederdrückt, ihn erniedrigt und aus der Gemeinschaft der Menschen herausreißt. Gerecht und gut ist, wer den Leidenden nicht von oben herab bemitleidet, sondern ihn wirklich ansieht und ihm seine Würde lässt. Für Weil fallen Gerechtigkeit und Nächstenliebe hier in eins. Und die Aufmerksamkeit ist zugleich das Gegengift gegen die Gewalt: gegen jene Kraft, die Menschen – Opfer wie Täter – zu bloßen Dingen macht. Ein guter Mensch weigert sich, andere zu Dingen zu machen.
- AufmerksamkeitWeils zentraler Begriff: ein hingebendes, selbstvergessenes Wahrnehmen, das das eigene Ich zurücktreten lässt; die Wurzel sowohl des Gebets als auch der Nächstenliebe.
- Unglück (malheur)Nicht bloß Schmerz, sondern ein zermalmendes Leid, das körperliche Not, soziale Erniedrigung und seelische Verzweiflung verbindet und den Menschen entwurzelt.
- Schwerkraft und GnadeDie „Schwerkraft" zieht uns wie ein Naturgesetz zur Selbstsucht hinab; die „Gnade" ist die einzige Kraft, die dem entgegenwirkt – sie lässt sich nicht erzwingen, nur empfangen.
- Entschöpfung (décréation)Das Zurücknehmen des illusorischen Ich, ein Sich-Leermachen, damit Gott oder das Gute in dem frei gewordenen Raum wirken kann.
- Verwurzelung (enracinement)Das tiefe Bedürfnis des Menschen, in einer Gemeinschaft, Tradition und einem Ort verwurzelt zu sein; Entwurzelung ist für Weil eine der großen Krankheiten der modernen Welt.
Weils Begriff der Aufmerksamkeit wird in einem einzigen Satz greifbar, den sie sinngemäß formuliert: Den Nächsten zu lieben heißt, ihn fragen zu können: „Woran leidest du?" – und wirklich auf die Antwort zu warten. Das klingt schlicht, ist aber schwer. Meist nehmen wir Leidende nur halb wahr, gefiltert durch unsere eigene Eile, Verlegenheit oder unser Bedürfnis, schnell zu trösten. Echte Aufmerksamkeit bedeutet, das eigene Ich für einen Moment ganz zurückzustellen und den anderen in seiner konkreten Not wirklich wahrzunehmen, ohne ihn zu vereinnahmen. Weil hat das nicht nur gedacht, sondern gelebt: Ihre Fabrikarbeit war der Versuch, das Elend der Arbeiter*innen nicht aus der Distanz zu beurteilen, sondern es aufmerksam von innen zu verstehen. Diese Konsequenz trieb sie bis zur Selbstaufopferung – von manchen als heilige Ernsthaftigkeit bewundert, von anderen als selbstzerstörerisch kritisiert.
Wir haben Simone Weil ausgewählt, weil sie in unserer Auswahl ein Scharnier bildet. In ihrer Ausrichtung steht sie auf der transzendent-innerlichen Seite – ihr Denken kreist um Aufmerksamkeit, Gnade und Gott. Damit gehört sie zur Nachbarschaft der Mystiker*innen Buddha, al-Ghazālī und Hildegard von Bingen. Doch anders als diese wirft sich Weils Mystik mitten hinein in die Welt und ihr Leid: Fabrikarbeit, Krieg, Widerstand, die Frage nach Gerechtigkeit und Verwurzelung. Deshalb steht sie nicht ganz außen, sondern näher zur Mitte – zwischen der Innerlichkeit Hildegards und der weltzugewandten Ethik Iris Murdochs.
Murdoch übernimmt ihren Schlüsselbegriff der Aufmerksamkeit fast unverändert und macht daraus eine weltliche Ethik des Sehens – Weil ist damit die Brücke, über die das religiös-mystische Denken zur säkularen Moralphilosophie hinüberreicht. Zugleich bringt sie mit ihren Begriffen des Unglücks und der Gewalt die eindringlichste Auseinandersetzung mit Leid und Entwürdigung ins Ganze ein: Während viele unserer Denker*innen fragen, wie ein Leben gelingt, fragt Weil unerbittlich, was mit dem Menschen geschieht, dem alles genommen wird. Und wo Beauvoir und Arendt die Freiheit im Handeln suchen, sucht Weil das Gute im Gegenteil – im Zurücknehmen des Ich.
- Simone Weil: Schwerkraft und Gnade (La Pesanteur et la grâce) (Primärwerk, dt. Übers. z. B. Matthes & Seitz)
- Simone Weil: Die Verwurzelung (L'Enracinement) (Primärwerk)
- A. Rebecca Rozelle-Stone & Benjamin P. Davis: „Simone Weil", Stanford Encyclopedia of Philosophy — plato.stanford.edu